Landschaftsaquarelle von Olaf Reisson
Den 1945 in Leipzig geborenen Maler Olaf Reisson, der heute in Mönchengladbach
lebt, als einen Portraitisten vorzustellen, scheint zunächst angesichts seiner
Landschaftsaquarelle, die zumal ganz ohne menschliche Figuren auskommen,
verfehlt. Und doch ist er dies auf seine Weise eigentlich immer schon gewesen.
Interessiert haben ihn stets – deutlich bereits 1981 in seinen gemalten
Ansichten der Vulkaneifel - die charakteristischen, markanten und manchmal auch
geheimnisvollen Züge, die das individuelle Gesicht einer Landschaft prägen.
Und wenn diese Landschaften reden könnten, wäre es ganz zweifellos deren
Mundart, der Dialekt, der sozusagen als ein lokales Kolorit aus den
Aquarellen von Olaf Reisson spricht.
Zur Technik der Aquarellmalerei, welcher er sich seit 1983 verstärkt zuwandte,
hat der Künstler auf einer Reise in die Bretagne gefunden. Der Malkasten wird
seither zum ständigen und ganz selbstverständlichen Begleiter auf seinen vielen
Wegen, ob in Schottland, Frankreich, in der Toskana oder in der Schweiz. Und
anders als vorher ist nun auch die freie Natur zu seinem eigentlichen Atelier
geworden.
Nicht zuletzt wegen der direkten und spontanen Handhabbarkeit vor Ort ist dem
Aquarell in der Landschaftsmalerei von jeher eine ganz besondere Rolle
zugefallen. Darstellungen einer Leichtigkeit des Atmosphärischen und einer
geradezu fluidalen Transparenz der Farbe finden in einer der wohl
ursprünglichsten Maltechniken ihr adäquates Medium.
Überhaupt ist das subjektive Erlebnis der Landschaft zum bevorzugten Gegenstand
des Aquarells geworden, mit kunsthistorischen Sonderleistungen vor allem im
England des 18. Jahrhunderts. Noch heute wird dort diese Form des sehr privaten,
beinahe intimen künstlerischen Umgangs mit der Natur liebevoll
weitergepflegt, eine Tradition, die auch in den Arbeiten von Olaf Reisson auf
eine gewisse Weise widerscheint.
Es ist eine lange Künstlerfreundschaft, die ihn so - auch auf gemeinsamen Reisen
- mit Renate Friedländer geprägt hat, einer Malerin, die vor allem durch ihre
englischen und schottischen Landschaften bekannt wurde und die selbst einen Teil
ihres Lebens in der englischen Exilheimat verbracht hat.
Die Niederrheinischen Landschaftsaquarelle, die fast allesamt in der nahen
Umgebung von Mönchengladbach und bei Wickrath an Schwalm, Nette und Niers
entstanden sind, haben im Schaffenswerk von Olaf Reisson ihren ganz persönlichen
Stellenwert.
Der Maler ist mit dem Wohnungswechsel von Köln 1988 in die Umgebung seiner
Kindheit zurückgekehrt. Die regressiven Empfindungen dieser Widerbegegnung sind
in den Arbeiten durchaus spürbar, wenn der Künstler den vertrauten Gesichtszügen
seiner Landschaft nachgeht:
Da erinnern die gerade hier so charakteristischen Merkmale der schrundigen
Kopfweiden, die im Nebel der Weiher oder in den Feuchtwiesen von Bruch- und
Auenlandschaften stehen, manchmal an versunkene Märchengestalten aus
Kindheitstagen, ein wenig gealtert und nur den jahreszeitlichen Wandlungen
ausgesetzt.
Es sind kontemplative und stille Landschaften, in denen sowohl die natürlichen,
als auch die künstlichen Formationen ihren ästhetischen Reiz ausüben. Es gibt
Ansichten von unveränderten, gepflegten und landwirtschaftlich kultivierten
Äckern, Weiden und Ährenfeldern. Daneben verweisen die Bauerngehöfte, Mühlen und
herrschaftlichen Anwesen, manchmal auch kleinere Orte auf menschliche Gegenwart.
Doch wirken viele der architektonischen Motive eher wie eingepflanzt und mit der
umgebenden Natur verwachsen.
Auch die bedrohliche Facette der Nähe des Menschen mit ihren umweltlichen
Prägungen wird registriert: Ein beinahe verletztes Gesicht zeigt diese
Landschaft vor allem in den vom Braunkohletagebau gezeichneten Ödnissen bei
Jüchen mit den verändernden Eingriffen, die sozusagen unter die Haut gehen.
Immer wieder aber scheint in diesen Landschaftsveduten das Naturelement Wasser
als ein durchgehendes Motiv auf, das sich in der Bilderfolge von
Wasserspiegelungen manchmal sogar zu verselbstständigen scheint.
Selbst auf die Aquarelltechnik der Nass- in Nass- Malerei, die Olaf Reisson
verstärkt dabei anwandte, scheint dieses Element eingewirkt zu haben.
Die Nähe des großen Stromes, der diese Landschaft mit ihren Feuchtwiesen in den
Niederungen, den vielen Seen und Weihern wesentlich prägte und dem sie ihren
Namen verdankt, bleibt so auch in den Aquarellen von Olaf Reisson stets spürbar.
Dr. August Bernhard Rave
(Verfasser ist Kunsthistoriker an der Staatsgalerie Stuttgart)
Olaf Reisson und
die „Poesie des Zerfalls“
Pastelle
Zu seinen
künstlerischen Wurzeln hat der Wickrather Künstler Olaf Reisson zurückgefunden.
In den 70er Jahren hatte er sich zunächst mit surrealistischen Motiven
auseinander gesetzt, später inspirierten ihn die Gesteinsschichten in Eifeler
Lavagruben und Basaltbrüchen zu seinen Gesteinsbildern . Häufig sind in seinen
neuen Motiven frühe eigene Steinbruchgemälde verarbeitet oder frühe
surrealistische Gemälde. Olaf Reisson war und ist fasziniert von den schroffen
Formen in einem Steinbruch: “die Steinblöcke sind eine Art `Úr-Skulptur`, wenn
man so will, von Menschen geschaffen, aber immer noch Natur.“ In diese
Steinbruchkulissen sind Köpfe, Schriftzeichen, keltische Ornamente,
Zerbrochenes und Verrostetes eingearbeitet. Olaf Reisson erklärt: „ Zerbrochenes
Gestein und verrostete Fragmente bedeuten in diesen Bildern untergegangene
Kultur, der Scherbenhaufen der Geschichte sozusagen. Fragmente und Ruinen
beflügeln unsere Phantasie. Die unbrauchbaren und verrosteten Bruchstücke
strahlen gleichwohl die Poesie des Zerfalls aus.“ Ein Zerfall, der sich auch in
einigen religiösen Motiven wiederspiegelt, in denen zum Beispiel die christliche
Erlöserfigur kleingeschrumpft und verrostet von einer untergehenden Religion
zeugt.
Tonplastiken
Der Blick in das
Innere der Erde war Olaf Reissons künstlerisches Thema. Mit seinen
Ton-Skulpturen findet Olaf Reisson heute eine künstlerische Entsprechung dieser
Suche unter der Oberfläche. Ein zentrales Anliegen ist der Einbezug des
Hohlraums. Der Blick wandert durch das geöffnete „Skulpturen-Gedankengebäude“.
Es entstehen Einblicke in plastische Figuren, die perspektivisch überraschen, so
zum Beispiel der „ Affe“ in uns, der sowohl Sinnbild der menschlichen Evolution,
wie auch zugleich das Tier im Menschen bedeutet. Ebenso vielschichtig sind seine
Würfelpanoptiken. Menschliche und tierische Leiber, Gesichter, mahnende Finger
und Hände sind zu einem Würfelpanoptikum verdichtet. Hände und Finger deuten
Gestenhaftes an. Gesichter und Körperteile sind im Dialog einander zugekehrt.
Gleichwohl ist es ein unverhofftes Zusammentreffen. Stumm und rätselvoll ist ihr
Zwiegespräch, dessen Inhalt letztlich unwesentlich ist.
(Text: Heinz- Gerd Wöstemeyer, 2008)